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Die Regentrude Teil4
von Theodor Storm


Auf die Sonnenblumen, die vor Marens Kammer im Garten standen, fiel eben der erste Morgenstrahl, als sie schon das Fenster aufstieß und ihren Kopf in die frische Luft hinausstreckte. Der Wiesenbauer, welcher nebenan im Alkoven des Wohnzimmers schlief, mußte davon erwacht sein; denn sein Schnarchen, das noch eben durch alle Wände drang, hatte plötzlich aufgehört. "Was treibst du, Maren?" rief er mit schläfriger Stimme. "Fehlt's dir denn wo?" Das Mädchen fuhr sich mit dem Finger an die Lippen; denn sie wußte wohl, daß der Vater, wenn er ihr Vorhaben erführe, sie nicht aus dem Hause lassen würde. Aber sie faßte sich schnell. "Ich habe nicht schlafen können, Vater", rief sie zurück, "ich will mit den Leuten auf die Wiese; es ist so hübsch frisch heute morgen." "Hast das nicht nötig, Maren", erwiderte der Bauer, "meine Tochter ist kein Dienstbot." Und nach einer Weile fügte er hinzu:
"Na, wenn's dir Pläsier macht!
Aber sei zur rechten Zeit wieder heim, eh die große Hitze kommt. Und vergiß mein Warmbier nicht!" Damit warf er sich auf die andre Seite, daß die Bettstelle krachte, und gleich darauf hörte auch das Mädchen wieder das wohlbekannte abgemessene Schnarchen. Behutsam drückte sie ihre Kammertür auf. Als sie durch die Torfahrt ins Freie ging, hörte sie eben den Knecht die beiden Mägde wecken. Es ist doch schnöd, dachte sie, daß du so hast lügen müssen, aber—und sie seufzte dabei ein wenig—was tut man nicht um seinen Schatz! Drüben in seinem Sonntagsstaat stand schon Andrees ihrer wartend. "Weißt du dein Sprüchlein noch?" rief er ihr entgegen. "Ja, Andrees! Und weißt du noch den Weg?" Er nickte nur. "So laß uns gehen!" Aber eben kam noch Mutter Stine aus dem Hause und steckte ihrem Sohne ein mit Met gefülltes Fläschchen in die Tasche. "Der ist noch von der Urahne", sagte sie, "sie tat allezeit sehr geheim und kostbar damit, der wird euch gut tun in der Hitze!" Dann gingen sie im Morgenschein die stille Dorfstraße hinab, und die Witwe stand noch lange und schaute nach der Richtung, wo die jungen kräftigen Gestalten verschwunden waren. Der Weg der beiden führte hinter der Dorfmark über eine weite Heide. Danach kamen sie in den großen Wald. Aber die Blätter des Waldes lagen meist verdorrt am Boden, so daß die Sonne überall hindurchblitzte; sie wurden fast geblendet von den wechselnden Lichtern.—Als sie eine geraume Zeit zwischen den hohen Stämmen der Eichen und Buchen fortgeschritten waren, faßte das Mädchen die Hand des jungen Mannes. "Was hast du, Maren?" fragte er. "Ich hörte unsre Dorfuhr schlagen, Andrees." "Ja, mir war es auch so." "Es muß sechs Uhr sein!" sagte sie wieder. "Wer kocht denn dem Vater nur sein Warmbier? Die Mägde sind alle auf dem Felde." "Ich weiß nicht, Maren, aber das hilft nun doch weiter nicht!" "Nein", sagte sie, "das hilft nun weiter nicht. Aber weißt du denn auch noch unser Sprüchlein?" "Freilich, Maren! "Dunst ist die Welle, Staub ist die Quelle!" Und als er einen Augenblick zögerte, sagte sie rasch: "Stumm sind die Wälder, Feuermann tanzet über die Felder!" "Oh", rief sie, "wie brannte die Sonne!" "Ja", sagte Andrees und rieb sich die Wange, "es hat auch mir ordentlich einen Stich gegeben."

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